Probelesen

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Leseprobe-PDF ersten 2 Kapitel  -  Leseprobe Mittendrin (Seite 182...)
Probelesen 2 Kapitel
         
    Flucht ins Ungewisse
 

Seit sie denken konnte, war dieser Traum ihr steter Begleiter. Vielleicht war er mit Schuld daran, dass sie jetzt im Zug saß? Mittlerweile war Marie fünfundzwanzig Jahre alt und fast jede Nacht besuchte sie dieser Traum. War es ein Engel oder doch ein Vogel? Fast schien es, als flüstere dieser ihr Worte zu: »Marie, komm, folge mir.«
Heute Morgen war Marie so weit. Sie wusste, sie musste gehen. Sie war verrückt, so sagte man zumindest. In ihrem Elternhaus hinterließ sie eine Notiz: Sucht mich nicht, ich komme nicht wieder. Marie.

Leise vor sich hin summend, erlebte sie das gleichmäßige Rattern des Zuges. Sie war guter Dinge und endlich frei. Frei von Demütigung, frei von Kälte. So saß sie eine Weile einfach da und genoss ihren guten Zustand.
Nach ungefähr einer Stunde durchfuhr die Bahn einen Tunnel. Die junge Frau klammerte sich an den Armlehnen fest, sodass ihre Knöchel weiß hervortraten, und begann hektisch zu atmen.
Eine alte Dame, die ihr gegenübersaß, bemerkte es und fragte fürsorglich:
 »Junge Frau, ist alles in Ordnung?«
»Licht, bitte Licht!«, flüsterte Marie kaum hörbar.

Die Dame wollte beruhigend auf Marie einwirken, blieb allerdings in ihren Bemühungen erfolglos.
Als endlich wieder Tageslicht ins Abteil kam, konnte man ihr die durchlebte Panik ansehen. Kreidebleich, mit weit aufgerissenen Augen und zitternden Fingern versuchte sie, irgendwelche Tabletten aus ihrer Tasche zu fischen.
Die Mitreisende hatte Mitleid mit dieser zerbrechlich wirkenden, jungen Frau. Sie war hübsch anzusehen, besonders vorhin, als sie leicht lächelte. Die langen, fast roten Haare schimmerten seidig glänzend. Ihre Augen waren ein wunderschönes Gemisch aus Grün und Blau.
Wortlos reichte sie Marie ein Glas Wasser. Gerne würde sie etwas sagen, wusste aber nicht so recht, was nun angebracht wäre, daher hingen beide schweigend ihren Gedanken nach.
Nach weiteren neunzig Minuten Zugfahrt – Marie hatte sich wieder erholt - stieg die Mitreisende aus.
Zum Abschied sagte sie: »Junge Frau, ich wünsche Ihnen noch eine angenehme Weiterfahrt und alles Liebe und Gute für Ihre Zukunft!«
Verwundert über diese netten Worte schaute Marie auf, lächelte die Frau an und meinte: »Danke, Ihnen auch alles Gute.«
Schade eigentlich, dass sich ihre Wege schon trennten, sie fand diese alte Dame angenehm. Sie hatte gütig gewirkt und keine blöden Fragen gestellt, so wie sie es sonst gewohnt war.
Kurz darauf schlief Marie ein, träumte vom Engel oder vom Vogel.
Die Stimme aus den Lautsprechern weckte sie mit den Worten: »Endstation, alles aussteigen bitte!«

Marie nahm ihre wenigen Habseligkeiten und schaute sich auf dem Bahnsteig um. Wo sie war, wusste sie nicht, es war ihr auch egal. Der Bahnhof war klein, eher ländlich. Neben den zwei Gleisen gab es noch ein Häuschen mit einem Schalter, an dem man Fahrkarten erwerben konnte. Als sie das Gelände verließ, staunte sie. Wunderschön war es hier. So weit das Auge schauen konnte, pure Natur. Marie lief die Straße entlang. Ab und an kam ihr ein Auto entgegen. Rechts und links sah sie weitläufige Wiesen und Felder, weiter vorn konnte sie einen Fluss erkennen.
Diese Stille war nicht leise – im Gegenteil, wenn man genau zuhörte, erkannte man eine Vielfalt an Geräuschen. Das Gezirpe aus dem Gras, das Summen vieler Insekten, ein Zwitschern und Flöten der Vogelwelt. Der Fluss plätscherte, während die Bäume leise rauschten. Dazu kam der liebliche Geruch von Bäumen, Blumen und Sträuchern. Fasziniert entdeckte Marie auch die japanischen Kirschbäume mit ihren rosa Blüten.
Sie war so überwältigt von der wunderschönen Umgebung, dass sie gar nicht bemerkte, dass sie schon längst querfeldein lief. Ein Gefühl von Liebe und Heimat durchströmte sie, obwohl sie noch niemals hier gewesen war. Sie drehte sich wie ein Kind im Kreise und ließ sich von den rosa Blüten taufen. Später setzte sie sich ins Gras und beobachtete noch einige Zeit das Treiben um sich herum.
Plötzlich ließ sich ein Falke unweit von ihr auf einem großen Stein nieder. Er saß einfach da und beobachtete Marie. Es wirkte, als würden sie sich gegenseitig in die Augen schauen. Die Situation fühlte sich nicht bedrohlich an, eher mystisch, fast, als wäre es von Bedeutung. Sie hatte das Gefühl, diese Augen nicht das erste Mal gesehen zu haben. Irgendwann schlief sie ein, und als sie wieder erwachte, setzte der Falke gerade zum Flug an. Er umkreiste sie noch einmal und verschwand anschließend in Richtung Süden. Marie stand auf, reckte und streckte sich den letzten Schlaf aus den Gliedern und lief weiter. Richtung Süden.
Weiter vorn schien eine kleine Ortschaft zu sein. Sie entschloss sich, dort ein Plätzchen für die Nacht zu suchen. Marie sah ein Fachwerkhaus, es wirkte alt und nahezu märchenhaft. Die Vorderfront war mit Efeu bedeckt. Ein Holzschild in Herzform, mit der Aufschrift: Schlafplatz frei, hing an der Eingangstür aus schwerem Eichenholz. Diese wurde von einer Blumenranke umrahmt. Rechts stand ein großer Blumenkübel und links eine Schubkarre aus Holz, gefüllt mit bunten Wildblumen. Zögerlich griff sie nach dem Türgriff. Als Marie diesen berührte, wirkte es, als würde sich die Tür fast von alleine öffnen.
Sie ging zu einem Tresen, hinter dem sie die Rezeption vermutete. Weit und breit war niemand zu sehen. Auf der polierten Fläche stand eine glänzende, antike Messingglocke, mit welcher Marie auf sich aufmerksam machte. Zaghaft griff sie nach dieser und schüttelte sie vorsichtig. Kurz darauf hörte sie schnelle Schritte.

Eine Frau kam um die Ecke und sagte mit freundlicher Stimme: »Ich komme ja schon!« Silbergraues Haar umrahmte in weichen Wellen ihr gütiges Gesicht. Sie war nicht besonders groß, aber für ihr Alter wirkte sie erstaunlich sportlich. Die Augen der Frau blickten liebevoll und ungewöhnlich aufmerksam.
»Guten Abend, junge Frau. Sie suchen sicherlich einen Platz zum Schlafen. Es ist selten, dass hier jemand herkommt. Zurzeit könnten Sie sich ein Zimmer aussuchen, doch ich empfehle Ihnen das nach Süden hin, im obersten Stock. Der Ausblick dort ist besonders herrlich. Wenn Sie noch zu Abend essen möchten, sagen Sie es nur, ich richte Ihnen gerne etwas her.«
»Danke, das wäre sehr nett, etwas hungrig bin ich schon.«
Kaum hatte sie die Worte gesprochen, knurrte ihr Magen lautstark, wie zur Bestätigung. Etwas hungrig war gewaltig untertrieben, da sie vor drei Tagen das letzte Mal gegessen hatte. Marie bedankte sich, während sie den Schlüssel mit der Nummer sieben entgegennahm. Sie ging die knarrende alte Treppe hoch in den ersten Stock. Wie alt das Haus wohl sein mochte, überlegte sie. Überall sah man Deckenbalken und auch die Wände waren teilweise mit Holzbalken durchzogen, alles wirkte freundlich und gemütlich. Es passt irgendwie zu der alten Frau, dachte Marie, während ihr Magen erneut laut grummelnd verkündete, dass ein leckerer Geruch von Essen sich im Haus breitmachte.
Nachdem Marie einen vorzüglichen Salat mit Kräutersoße, Bratkartoffeln und hinterher selbst gemachten Joghurt gegessen hatte, setzte sie sich noch ein Weilchen raus auf den Balkon und beobachtete die Natur. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, Zuhause angekommen zu sein. Marie konnte sich gut vorstellen, hierzubleiben, denn hier fühlte sie sich das erste Mal in ihrem Leben wohl. Hier war niemand, der sie anschrie. Niemand, der sie verachtend wegsperrte. Niemand, der sie als Spinnerin verhöhnte.
Dass sie vielleicht ein wenig verrückt war, das wusste sie ja. Aber das war doch nicht ihre Schuld. Daran war das Gift schuld. Das Gift, das dieser Mann vor Jahren in sie reingespritzt hatte. Immer wieder kam er nachts, tat ihr weh und vergiftete sie mit diesem Zeug. Sein Geruch und sein Gestöhne verfolgten sie manchmal noch heute. Schnell brach sie ihre Erinnerungen ab, wusste sie doch, wohin das führen konnte. Niemals würde sie jenes vergessen können, da war sie sich sicher.

Als Marie sich damals endlich getraut hatte, zur Internatsleitung zu gehen, glaubte man ihr nicht! Stattdessen wurde sie als Lügnerin hingestellt. Sie wäre eine, die dem männlichen Personal schöne Augen machen würde. Aufgrund dessen könne sie nicht länger im Internat bleiben. So hieß es in dem Schreiben, welches ihre Eltern bekamen, bevor sie Marie abholten.
Von da an wurde sie von ihrer ohnehin kaltherzigen Mutter bei den geringsten Anlässen in den dunklen Keller gesperrt. Im Keller war sie nie ganz allein, es lebten dort jede Menge Spinnen, und auch Ratten liefen ihr manchmal über die Füße. Doch Marie sah sie nicht. Mit der Zeit entwickelte sie eine ausgeprägte Spinnenphobie und hatte Angst vor Ratten und der Dunkelheit.
Eines Tages hatte sie ihren Eltern heimlich ein Feuerzeug gestohlen und es mit in den Keller genommen. Doch leider wurde es entdeckt und sie bezog mal wieder eine Tracht Prügel. Marie wurde als die Schande, die sie doch war, gemieden und als Früchtchen, Lügnerin und Diebin beschimpft. Ihre Mutter hatte sie nahezu täglich spüren lassen, wie sehr sie ihre Tochter für die Beschmutzung ihres Ansehens hasste. Mutter hatte ihr nicht glauben wollen. Die Nachbarn waren wichtiger, als die ach so missratene Tochter.
Sie hatte es wirklich versucht. Damals, an dem Tag, als ihre Mutter die blauen Flecken an ihrem Körper entdeckte. Marie stand gerade unter der Dusche, als plötzlich ihre Mutter das Bad betrat. Vorwurfsvoll wurde sie angekeift. Ihr wurde unterstellt, dass sie sich geprügelt hätte. Zitternd und schluchzend hatte Marie erzählt, was vorgefallen war. Ihre Mutter lachte auf und zischte: »Erzähle mir nicht solche Märchen, Marie!« Und verließ den Raum.
Und ihr Vater? Er war zu schwach, stand unter dem Pantoffel seiner Frau. Wenn er nur andeutungsweise versuchte, etwas zu sagen, oder zu murren, wurde er mit sexuellem und persönlichem Entzug bestraft. Er war ihrer Mutter hörig, in jeglicher Hinsicht. Was Marie nie begriff – selbst ein Eisberg hatte mehr Wärme als diese Frau. Marie liebte ihren Vater, doch gleichzeitig empfand sie Abscheu und Mitleid. Oft hatte sie das Gefühl gehabt, dass er wusste, dass sie die Wahrheit sagte.
Lange Zeit konnte Marie nicht nachvollziehen, warum sie von ihrem Vater keine Hilfe bekam. Er konnte nicht, egal wie sehr sie sich wünschte, dass er sie beschützen möge. Vor Jahren gab es einen Vorfall in der Schule. Ein Mädchen wurde bedroht. Der Vater des Mädchens war unverzüglich in der Schule und sie hatte von da an für immer Ruhe. Der Mitschüler der höheren Klasse musste sich vor versammelter Mannschaft bei seinem Opfer entschuldigen. Marie wünschte sich damals sehnlichst, dieser Vater wäre der ihre.

Eines Tages hatte sie gehört, wie ihre Mutter mit ihrem Vater sprach: »Die Göre hat nicht alle beisammen, heute hat sie wieder den ganzen Tag schaukelnd in der Ecke gesessen und wirres Zeugs gestammelt. Ich werde morgen Dr. Born anrufen, der wird sie in die Psychiatrie einweisen!«
Ihr Vater antwortete stotternd: »Nein, das kannst du … das kannst du … doch nicht …«, und fügte fast flüsternd hinzu: »Sie ist doch unsere Tochter!«
Anschließend war es ruhig. Marie wusste, ein kalter Blick hatte genügt, um ihn zum Schweigen zu bringen. Er kann einem wirklich leidtun, dachte Marie, während sie ihre Sachen gepackt hatte.
Kurz darauf war sie geflohen.
Nun war sie im nirgendwo und wusste eigentlich gar nicht, was sie fühlen sollte.
Doch alles wäre besser als die Psychiatrie und wieder eingesperrt sein, fand Marie, während ihr vor Müdigkeit die Augen zufielen.

Neue Heimat?

Marie hatte lange geschlafen. Als sie wach wurde, hörte sie die Vögel munter zwitschern und roch den Duft von Kaffee und frischen Brötchen. Erstaunt bemerkte sie, dass in ihrem Zimmer der Tisch mit eben diesen Dingen gedeckt war. Sie öffnete weit die Balkontür, setzte sich an den Tisch und genoss das wunderbare Frühstück. Die Mahlzeit, dieser ruhige Ort, der weite Blick und die Musik der Vögel versetzten sie in eine fast himmlische Harmonie. Sie vergaß Zeit und Raum. Gerne würde sie sich immer so fühlen, ging es Marie durch den Kopf. Ruhe. Wie lange hatte sie keine Ruhe mehr gefühlt?
Sie war jetzt so nah bei sich, irgendwo hier draußen. Es war ein schönes Gefühl, dass es fast schon wieder unheimlich wurde. Was wäre, wenn ich einfach hier sitzen bleiben würde?
Früher hatte sie manchmal in ihrem Baum die Ruhe gesucht, dorthin war sie oft geflüchtet. Dort fand man sie nicht. Der Baum stand auf dem unbewohnten Nachbargrundstück und hatte in seinem breiten Stamm ein großes Loch. Es war wie eine Höhle. Ihre Höhle. Sie hatte sich jedes Mal gewünscht, in seinem Schutz bleiben zu können und doch hat sie ihn immer wieder verlassen müssen.
Seufzend erhob sich Marie, um ausgiebig duschen zu gehen. Im Anschluss würde sie die Gastgeberin suchen gehen. Vielleicht konnte diese ihr sagen, wo sie eine Zeitung finden würde. Sie wollte sich die Stellenanzeigen heraussuchen. Irgendwann würde ihr Erspartes verbraucht sein, und zurück, wollte sie auf gar keinen Fall! Niemals!

Gerade wollte sie nach der Pensionsinhaberin klingeln, da diese nirgendwo zu finden war, als Marie eine Zeitung links neben sich liegen sah. »Das ist ja ein tolles Haus«, murmelte Marie im Selbstgespräch. »Hier scheint alles wie von selbst zu funktionieren.« Mit dem Blatt in der Hand ging sie wieder in ihr Zimmer und setzte sich auf den Balkon. Verwundert stellte sie fest, dass nicht weit von ihr der Falke auf einem Baumstumpf saß. Sie freute sich darüber, ohne genau zu wissen, warum. Es fühlte sich an, als wäre er so etwas wie ein alter Freund. Eine innere Stimme sagte ihr, dass dieser Falke vielleicht etwas mit ihren jahrelangen Träumen zu tun hatte. »Ach Marie«, schalt sie sich, »sei nicht blöd. Das ist ein Vogel, einfach nur ein Vogel.« Zurzeit träumte sie nicht diesen Traum, dafür schien der Falke stets in ihrer Nähe zu sein. Schon irgendwie komisch, aber von mir aus, soll er mich halt begleiten, ging es Marie durch den Kopf. Ob nun im Traum oder real ist eigentlich unwichtig. Marie widmete sich wieder der Zeitung. Die meisten Anzeigen waren unbrauchbar, aber diese hier klang ganz ansprechend:

»Suchen Verkaufshilfe in unserer Backwarenabteilung. Bitte wenden Sie sich an unseren Personalchef Herrn Strack, Kaufhaus Morten.«

Das wäre vielleicht das Richtige, dachte Marie. Sie brauchte diese Arbeit und wollte lieber persönlich hingehen. Wenn da nur nicht diese verdammte Angst wäre. Maries Blick glitt suchend zum Baumstumpf, aber der Vogel war weg. Schade. Eine leichte Traurigkeit erfasste Marie. Sie wunderte sich und fand keine Erklärung dafür. Hörbar atmete sie aus, um das Gefühl wegzubekommen.
Marie stöberte in ihren Sachen nach etwas Ordentlichem zum Anziehen. Etwas, das für das bevorstehende Gespräch geeignet wäre, wenn sie schon nicht den üblichen Weg, mit Lebenslauf und schriftlicher Bewerbung, nutzen konnte. Anschließend lief sie nach unten. Sie wollte die Dame fragen, wie sie in die Stadt käme und wann der entsprechende Zug fuhr.

Nach fast einer Stunde Fahrtzeit war sie endlich angekommen. Sofort fühlte sie sich unwohl. Es war fürchterlich laut und stressig, und es gab kaum Luft zum Atmen. Marie quälte sich ungefähr fünfzehn Minuten durch dichtes Gedränge, bevor sie vor dem Eingang des Kaufhauses Morten stand. Die vielen Menschen überall verunsicherten sie. Mit zittrigen Knien und ziemlich blass um die Nase fuhr sie die Rolltreppen bis in den vierten Stock hinauf. Sie war sehr froh über diese Beförderungsart – die Enge in einem Fahrstuhl hätte sie nicht verkraftet.
Hinter der letzten Glastür lag ein langer Flur, an dessen Ende ein Schild mit der Aufschrift Personalbüro stand. Den Namen Herr Strack – Personalleiter fand sie schließlich zwei Türen weiter.
Noch einmal holte Marie tief Luft und strich den Rock glatt, bevor sie an die Tür klopfte.
»Ja, herein, bitte«, kam eine Stimme von drinnen.

Marie straffte sich und öffnete mit leicht zittriger Hand die Tür zum Büro.
»Guten Tag, Herr Strack. Ich komme wegen Ihrer Anzeige im Regionalblatt. Sie suchen eine Verkaufshilfe und ich würde gerne bei Ihnen anfangen. Ich weiß, dass Sie normalerweise eine schriftliche Bewerbung wünschen, aber das …«
Plötzlich wusste Marie nicht weiter und eine leichte Röte überzog ihre Wangen.
Herr Strack schien sichtlich amüsiert. Oder war er beeindruckt? Nun, zumindest lächelte er.
»Setzen Sie sich bitte, Frau? Wie darf ich Sie ansprechen?«
Marie errötete noch ein wenig mehr. »Entschuldigen Sie, ich bin Marie, Marie Weber.«
»Gut, Frau Weber. Haben Sie denn einen Lebenslauf mitgebracht, damit ich mir ein Bild von Ihnen und Ihren beruflichen Kenntnissen machen kann?«
Marie bemühte sich, nicht auf den Boden zu schauen, während sie antwortete: »Nein, es tut mir leid. Ich habe keine Vorkenntnisse, ich war im Internat und …«
Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: »Aber ich kann alles lernen, ganz bestimmt!«

Herr Strack war ein sensibler Mensch, auch wenn er das in seinem Job nicht zu sehr zeigen durfte. Prüfend, aber nicht unfreundlich, schaute er Marie an. Sie machte auf ihn einen verletzlichen Eindruck und er ahnte, dass ihr der direkte Weg hierher bestimmt nicht leichtgefallen war. Das rührte ihn irgendwie. Seine Menschenkenntnis sagte ihm, dass er dieser zurückhaltenden, jungen Frau eine Chance geben sollte. Auch wenn er gewisse Bedenken hatte. Ob sie dem rauen Betriebsklima im Backshop standhalten würde? Aber davon sagte er ihr nichts.
»Okay, Frau Weber, wir versuchen es miteinander. Kommen Sie bitte am Montag früh, um acht Uhr, in mein Büro. Ich werde Sie direkt ins Geschäft bringen und Herrn Braun, dem Abteilungsleiter der Bäckerei, vorstellen. Die Arbeitskleidung bekommen Sie von uns gestellt. Bitte besorgen Sie sich zeitnah noch ein Gesundheitszeugnis. Das Vertragliche regeln wir ebenfalls am Montag. Haben Sie noch Fragen?«
Marie schüttelte verneinend den Kopf. »Gut, wir sehen uns nach dem Wochenende. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Frau Weber, und bedanke mich für Ihren Mut, hier persönlich zu erscheinen.«
Freundlich lächelnd schüttelte Herr Strack ihr die Hand und begleitete Marie zur Tür.
Marie strahlte vor Erleichterung und ein großer Stein fiel ihr vom Herzen. Sie verabschiedete sich mit einem herzlichen Danke.

Ein schönes Gefühl, dachte Marie und sie war unheimlich stolz auf sich selbst. Erst lief sie von ihrem Zuhause fort, das keines gewesen war, und nun hatte sie sich durch die Menschenmassen getraut und beim ersten Anlauf einen Job bekommen. Fast hüpfend und neugierig auf ihren neuen Arbeitsplatz bummelte sie zur Bäckerei. Dort angekommen, schaute sie sich verstohlen um und kaufte übermütig gleich einen ganzen Kuchen. Diesen wollte sie zur Feier des Tages zusammen mit der Pensionsbesitzerin genießen. Dass sie ein unangenehmes Bauchziehen bekam, während sie den Kuchen kaufte, versuchte Marie zu ignorieren. Mutig und glücklich schlenderte sie durch das Gewimmel der Stadt zurück zum Bahnhof und fuhr schließlich zur Pension.

»Hallo, wo sind Sie?«, rief Marie, während sie durch ihr derzeitiges Zuhause lief. Marie fand die Hausherrin draußen am Kräuterbeet, das hinterm Haus angelegt war. »Da sind Sie ja, ich habe Kuchen mitgebracht und würde diesen gerne mit Ihnen teilen, wenn Sie möchten. Ich war gerade in der Stadt und habe eine Arbeit gefunden. Montag fange ich bereits an.«
Die Frau schaute lächelnd zu Marie und meinte: »Das ist ja wunderbar, Fräulein Marie, dass Sie das geschafft haben. Ich bewundere Ihren Mut und setze mich gerne zu Ihnen. Ich werde uns schnell einen frischen Kaffee aufbrühen.«

Sie tätschelte Marie liebevoll die Schulter und schlurfte davon.
Marie setzte sich auf die Bank hinterm Haus und schaute glücklich in die Weite der Natur vor sich. Wo war denn ihr Vogel? Fast hatte sie sich schon an ihn gewöhnt. 
Seltsam, die Wirtin hatte eben ihren Mut angesprochen, doch woher wusste sie denn, dass es für Marie Mut erforderte, in die Stadt zu gehen? Irgendwie eigenartig war diese Frau schon, aber instinktiv wusste sie, dass sie keine Angst vor ihr haben musste. Eigenartig war sie doch selber, dachte sie schmunzelnd. Oder sonderbar, wie viele Leute sie immer betitelt hatten. Sonderbar war noch der freundlichste Begriff von allen. Von Hexe über Hure, Flittchen, Verrückte bis Bekloppte war alles dabei. Sie hatte nie verstanden, warum alle Ehefrauen der Umgebung scheinbar Angst um ihre Männer hatten, wenn Marie aufgetaucht war, als ob sie diese verführen würde. So ein Blödsinn! Bei dem Gedanken schaute Marie eher ärgerlich und verwirrt aus. Männer waren für Marie doch gleichbedeutend mit Schmerz, Angst und Ekel. Daher ging sie sicherheitshalber allen Menschen aus dem Weg.
Marie war so in Gedanken versunken, dass sie etwas erschrak, als die Pensionsbesitzerin mit dem Kaffee zurückkam. Das duftende Getränk stand vor ihr auf einem mit Blumen geschmückten Tisch. Der Kuchen war bereits angeschnitten und diese Frau saß da und lächelte Marie freundlich an.
»Marie, so darf ich Sie doch nennen?«
»Ja, natürlich.«
»Sie können mich Minnie nennen, damit Sie nicht ›Hallo Sie‹ rufen müssen«, meinte die Dame zwinkernd. »Wir haben also heute etwas zu feiern. Sie haben einiges geschafft, das ist gut so.«
Marie nahm einen Schluck von dem wunderbar duftenden Kaffee.
Schließlich antwortete sie: »Ja, und ich fange schon Montag an, der Personalchef war wirklich sehr freundlich. Obwohl ich nichts an Berufserfahrung vorzuweisen habe, gibt er mir trotzdem eine Chance, das finde ich wirklich nett von ihm.«
»Das finde ich auch. Und wie war es in der Stadt?«
»Oh, das war fürchterlich laut und voll. Die Luft stickig und so viele Menschen. Ich bin, glaube ich, kein Stadtmensch«, meinte Marie mit entschuldigendem Schulterzucken. »Aber ich habe im Moment keine andere Wahl, ich muss ja Geld verdienen!«

Schon wieder dieses komische Bauchgefühl. Marie schob es darauf, dass sie vielleicht zu viel Kuchen gegessen hatte.
Minnie nickte verstehend und meinte: »Ich mag das Gewühl in der Stadt auch nicht so besonders, irgendwann sind mir die Menschen fremd geworden. Ich bin kein Menschenfeind, nein, ganz und gar nicht, aber mir sind die Menschen zu kompliziert geworden. Mir kommt es auch so vor, als würde es immer mehr Oberflächliche geben. Aber vielleicht täusche ich mich. Viele sagen doch gar nicht, was sie denken. Definieren sich über Geld und Macht und verlieren dabei ihr eigenes Ich, ohne es überhaupt zu bemerken. Da es von dieser Art viele gibt, befinden sie sich in bester Gesellschaft. Irgendwann war es für mich fast unerträglich und ich entschied mich, in und mit der Natur zu leben. Ja, nun bin ich schon seit über dreißig Jahren hier, mein Kind. Hier werde ich auf meine alten Tage auch bleiben!«
Minnie hatte einen nachdenklichen Ausdruck im Gesicht und doch lächelte sie leicht, während sie sprach.

Marie war verblüfft. So hatte sie noch niemals jemanden reden hören. Es klang so ehrlich. Marie ahnte, dass auch in Minnies Leben wohl nicht immer alles so einfach war. Dabei klang es überhaupt nicht verbittert. Außerdem sprach diese Frau mit ihr, als wenn sie ganz normal wäre. Minnie schien sie ernst zu nehmen. Das war für Marie ein neues Gefühl. Sie fing an, die Frau zu mögen, was ihr eigentlich Angst machte. Es war nicht gut, jemanden zu mögen.
Verdammt Marie, lass das bloß sein. Immer wenn du jemanden gern hattest, wurdest du nach Strich und Faden verarscht. Oder man hat dir richtig wehgetan. Marie wusste nicht mehr, wie Vertrauen funktionierte. Sie versuchte, sich mit aller Macht gegen dieses Gefühl zu wehren. Sie könnte Minnie ja nett finden, aber bloß keine Gefühle investieren.

»Minnie, ich möchte Sie etwas fragen. Woher wussten Sie, dass ich in der Stadt Mut brauchte? Ich hatte nun schon öfter das Gefühl, dass Sie etwas wissen, was eigentlich gar nicht sein kann. Aber vielleicht spinne ich auch wieder.«
Minnie lächelte und sagte: »Nein mein Kind, du spinnst überhaupt nicht! In meinem Alter weiß man manche Dinge einfach so. In gewisser Weise kann ich es vielleicht erfühlen oder sehen. Weißt du, mein Leben hier draußen und auch meine vorherigen Erfahrungen haben mich viel gelehrt. Besonders auch über die Menschen. Was ich bei dir sehe, du bist ein hübsches und sehr liebenswertes Mädchen. Ich weiß, dass dir Menschen sehr wehgetan haben. Sei dir sicher, du bist keine Spinnerin!«
Marie war sprachlos und sie spürte einen dicken Kloß im Hals. Woher wusste diese Frau von ihrem Schmerz? Sah man ihr das wirklich an? Wieso waren daheim alle so grausam gewesen? Wieso war hier alles anders? Sie war den Tränen nahe, weil noch nie jemand so nette Worte zu ihr gesagt hatte. Ihr Vater, ja, der hatte es ihr mal zugeflüstert. Doch das war lange her. Sie war verwirrt, da sie einerseits das unbändige Verlangen hatte, einmal alles zu erzählen, und gleichzeitig war da die unglaubliche Angst. Angst, doch wieder verhöhnt zu werden. Angst davor, die eigenen Gefühle nicht ertragen zu können. Minnie strahlte so viel Ruhe und Frieden aus, bestimmt war sie total lieb und doch traute sich Marie nicht, über ihren Schmerz zu sprechen. Mehr als ein schlichtes Danke kam nicht über ihre Lippen. So saßen sie einfach noch eine Weile dort und genossen die Stille, während Marie versuchte, Ordnung in ihr inneres Chaos zu bringen.

Nach einiger Zeit stand Minnie auf.
»Marie, gutes Kind, ich muss mich noch ein wenig um meine Kräuter kümmern. Wenn du magst, kommst du einfach nach hinten. Habe keine Scheu, du störst mich nicht. Ruhe habe ich hier doch immerzu.«
Im Vorbeigehen strich sie Marie kurz über die Wange. Minnie spürte, wie die junge Frau leicht zusammenzuckte, was sie nicht erstaunte. Maries ganze Körpersprache verriet viel. Obwohl sie anmutig und leichtfüßig lief, wirkte sie wie ein scheues Reh. Jederzeit zum Sprung bereit. Während Minnie dabei war, ihre Kräuter zu gießen, überlegte sie, ob es möglich sein würde, Marie zu helfen. Ihr zu zeigen, dass nicht alle Menschen gleich sind. Irgendwann bemerkte sie, dass die junge Frau sie beobachtete.

»Komm gerne her. Wenn du möchtest, zeige ich dir meine Kräuter.«
Marie kam langsam, fast zögernd, näher.
»Morgen werde ich welche ernten, ich verkaufe sie hier in der Umgebung auf dem Markt. Schau, das hier ist Salbei, daneben wächst der Baldrian. Hier ist Blutwurz, eine wunderbare Heilpflanze. Dort vorn beginnt schon das Johanniskraut zu blühen. Petersilie, Dill, Majoran und weitere Küchenkräuter. Der große Strauch dort hinten ist Zitronenmelisse. Sie riecht so schön. Komm, lass uns mal hingehen.«
Marie tat es Minnie gleich und schnupperte an den Blättern der Pflanze. Wirklich angenehm. Wofür diese wohl gut sein mag?

Minnie erzählte weiter: »Man kann sie bei Asthma sowie bei Problemen mit Magen und Darm einsetzen, aber auch fürs Herz ist sie gut. Auf dem Markt geht sie weg wie warme Semmeln und die Apotheke im Ort nimmt mir auch häufig Kräuter ab. Sie verarbeiten diese zu Teeaufgüssen.«
»Oh, das ist ja schön«, meinte Marie. »Lebst du denn nur vom Kräuterverkauf und von der Zimmervermietung?«
Marie wurde etwas rot, als sie bemerkte, dass sie die Frau geduzt hatte.
»Ja, Marie, ich lebe nur von diesen Einkünften, aber ich brauche ja nicht viel. Ich baue mein Gemüse an und Brot backe ich ebenfalls selbst. Beim alten Kurt, ein Bauer hier in der Gegend, bekomme ich hin und wieder mein Fleisch und er erhält dafür Kräuter und selbst gemachten Kuchen. Das funktioniert ganz gut. Nur mein Haus macht mir etwas Sorgen. Es müsste mal wieder renoviert werden und das Dach sollte ausgebessert werden. Aber, kommt Zeit, kommt Rat, sage ich immer. Marie, ich fände es schön, wenn du mich duzen würdest.«
Dabei zwinkerte sie Marie schelmisch zu.
»Minnie, ich möchte mich für vorhin entschuldigen. Ich glaube, ich habe etwas blöd reagiert, als du … also, als du mir so über … über die Wange gestreichelt hast.« Mist, warum muss ich jetzt stottern? Marie ärgerte sich über ihre Reaktion. »Es ist nicht so, dass ich es nicht mag oder so, es hat nichts mit dir zu tun. Nimm es bitte nicht persönlich. Ja?«
Verlegen schaute sie in die Ferne, wohlwissend, dass sie dadurch abweisend wirkte. Marie wollte nicht verletzen, aber sie hatte sich so sehr in ihre eigene Welt zurückgezogen, dass es ihr schwerfiel zwischenmenschliche Beziehungen zuzulassen. Dabei mochte sie diese mütterlich wirkende Frau. Bei ihr fühlte es sich irgendwie so an, als könnte man ihr tatsächlich vertrauen. Marie drehte sich zu Minnie um und sah, wie diese sie liebevoll anlächelte.
»Kindchen, mach dir keine Gedanken darum. Ich nehme es dir weder übel noch habe ich es persönlich genommen. Ich denke, du bist es nicht gewöhnt, so berührt zu werden und dass es auch eine schöne Art der Berührung geben kann.«
Marie schwieg. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Minnie akzeptiere ihr Schweigen. Dunkle Wolken zogen auf.
»Komm Marie, lass uns ins Haus gehen, es scheint ein Gewitter auf uns zuzukommen, außerdem möchte ich das Abendessen vorbereiten.«
Etwas später saßen sie in der Stube am Tisch und aßen Hühnerfrikassee. Es schmeckte köstlich. Stumm lauschten sie dabei dem kurzen Gewitter. Anschließend in ihrem Zimmer, sah sie noch etwas fern. Als Marie im Bett lag, dachte sie an ihre neue Arbeit. Sie spürte ein unangenehmes Kribbeln im Bauch. Marie versuchte, die Aufregung, die die Regie übernehmen wollte, beiseitezuschieben. Doch die Müdigkeit gewann und sie schlief kurz darauf ein.

Das Wochenende verbrachte sie viel in der Natur. Marie saß stundenlang unter dem wunderschön blühenden Kirschbaum und hing ihren Gedanken nach. Grüblerische wechselten sich mit Hoffnungsvollen ab. Am Sonntagnachmittag brachte sie Minnie einen großen Strauß wild gewachsener Blumen mit. Marie wollte ihr damit eine kleine Freude machen und sich bei Minnie für ihre Freundlichkeit bedanken.
Ein Strahlen huschte über das Gesicht der alten Frau.
Gerührt schaute sie Marie an und sagte: »Dankeschön, du machst mich sehr glücklich mit diesem wunderschönen Strauß. Es ist jetzt schon einige Jahre her, dass mir jemand Blumen geschenkt hat. Ich stelle ihn schnell ins Wasser und hinterher habe ich für uns einen leckeren, frischgebackenen Kuchen. Du magst doch Apfelkuchen?«                          
Marie fühlt sich wohl wie schon ewig nicht mehr, nur wenn sie an den nächsten Morgen dachte, an die Stadt und die Arbeit, schlich sich ein seltsames Unbehagen in ihren Bauch.

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